Gerhart Harrer als Direktor der Landesnervenklinik Salzburg und Primarius der neurologischen Abteilung

Der Nachfolger Gerhart Harrers Herr Prim. Univ-Prof.Dr. Gunther Ladurner gibt 1998 einen Überblick über die Geschichte der Neurologischen Abteilung in Salzburg:

„Von 1945-1950 stand dem Krankenhaus [St.-Johanns-Spital in Salzburg] weder ein Konsiliarfacharzt noch eine Neurologische Abteilung zur Verfügung. Am 1. Oktober 1950 wurde der an der Universität Innsbruck habilitierte Doz. Dr. Gerhart Harrer zum Konsiliarfacharzt für Neurologie und Psychiatrie bestellt. Bereits Ende 1951 konnte eine kleine Neurologische Station mit 11 Betten eröffnet werden. Im gleichen Jahr wurden insgesamt 212 Kranke stationär behandelt. Wegen des zunehmenden Bedarfs mußten der Neurologie noch weitere Betten zur Verfügung gestellt werden, so daß die Abteilung schließlich etwa 28 Betten umfaßte. Am 18. Dezember wurde die Neurologische Abteilung im Neubau Chirurgie/HNO mit 54 Betten feierlich eröffnet.

Im Jahr 1962 wurde die Stelle des Direktors der damaligen Heilanstalt für Geisteskranke durch Prof. Gerhart Harrer besetzt, der zuvor ein Konzept für die Errichtung eines modernen ‚Nervenzentrums‘ mit psychiatrischen Abteilungen für akut und chronisch Kranke, einer Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie, einer Neuro-psycho-geriatrlschen Abteilung und einem neu zu errichtenden Neuroradiologischen Institut und den notwendigen sonstigen Einrichtungen (EEG- und Neurophysiologisches Labor, Neuropathologisches Labor, Neuropsycholoqie u.a.m.) erarbeitet hatte. Später wurde aufgrund seiner Initiative für die Medizinische Fakultät auf dem Areal der Anstalt ein Gerichtsmedizinisches Institut errichtet, dessen Vorstand Prof. Dr. Norbert Wölkart wurde, sowie ein Institut für Forensische Psychiatrie, zu dessen Vorstand Prof. Dr. Harrer ernannt wurde. Beide Institute gehören der Juridischen Fakultät der Universität Salzburg an.

Im Dezember 1962 wurde der Plan für die Errichtung eines Neubaues für die Neurologische und die Neurochirurgische Abteilung sowie für das Neuroradiologische Institut durch die Regierung beschlossen. Am 1. Jänner 1963 wurde die Umbenennung der Heilanstalt für Geisteskranke in eine ‚Landesnervenklinik‘ genehmigt.

Die Übersiedelung der Neurologischen Abteilung nach Lehen wird von Prof. Dr. Domanig wie folgt kommentiert:
‚Dann tauchte die Idee einer .Landesnervenklinik‘ auf. Wohl erster Anstoß dazu war die Entdiskriminierung der psychiatrischen Station als ‚Irrenanstalt‘ oder volkstümlicher als ‚Narrenhaus‘. Man wollte alle Nervenkranken zusammenfassen und so ‚Lehen‘ nicht mehr als nur Heimstätte für Geisteskranke gelten lassen. Dazu kam, daß die Psychiatrie über ein sehr großes und schönes Gelände verfügte, das bis dahin kaum nutzbar gemacht worden war. So sehr ich das Konzept der Landesnervenklinik als richtig ansah, habe ich doch den Verlust der Neurologie für das St.-Johanns-Spital bedauert. Dieser Mangel ist durch die Einrichtung einer Neurologischen Ambulanz im Spital und durch eine Interne Ambulanz in der Nervenklinik überbrückt worden. Harrer hat die Direktion in der Nervenklinik übernommen und sehr initiativ und tatkräftig geführt. Die psychiatrischen Stationen wurden renoviert, ein Neubau für Neurologie, Neurochirurgie und Neuroradiologie geschaffen, sowie ein zweiter Neubau mit physikalischer Therapie und Rehabilitation errichtet, ferner eine Kinderstation. Auch entsprechend große Autoparkflächen sind entstanden. Durch die örtliche Nähe der beiden Anstalten ist die notwendige Zusammenarbeit sehr erleichtert.‘ “ [Ende Zitat Ladurner in: „Vom Irrenhaus zur Christian-Doppler-Klinik“, Waitzbauer 1988, Otto Müller Verlag. S 102-103]

Gerhart Harrer mit Verwaltungsdirektor A. Warta und einem Modell der LNK und dem Neubau der Neurologie 1971
Gerhart Harrer mit Verwaltungsdirektor A. Warta und einem Modell der LNK und dem Neubau der Neurologie 1971

Assistenten und Oberärzte, mit denen er auch gemeinsam publizierte waren u.a. Peter Appel, I. Berger, Rudolf Fischbach, Rudolf Haas, Isgard Haas-Leuschner, Werner Laubichler, Ulli Melnitzky, Peter Pilz, Bernd Pommer und Peter Schiner.

Im Jubiläumsband zu „100 Jahre Salzburger Landesnervenklinik 1898-1998″ (Otto Müller Verlag 1998, S 74-79) bringt Harald Waitzbauer Zitate und schreibt:

Die notwendig gewordene Psychiatriereform begann schließlich 1962 und stellte die bisher größte Zäsur in der Geschichte der heutigen Landesnervenklinik dar. Auf Johann Farbmacher folgte im Mai 1962 Gerhart Harrer als neuer Direktor. Unter seiner Leitung und nach dem Konzept von Heimo Gastager wurde auf Landesebene die Umwandlung der Landesheilanstalt in ein modernes Nervenzentrum beschlossen. Leicht umzusetzende Maßnahmen einer modernen Patientenbetreuung wurden gleich in die Wege geleitet. Gastagers Konzept einer umfassenden psychiatrischen Versorgung ist als „der Salzburger Weg in der Psychiatrie“ bekannt geworden und hat mit seinen sozialpsychiatrischen Schwerpunkten befruchtend auf weitere Psychiatriereformen gewirkt. Nach den Vorstellungen des neuen Führungsteams sollten alle die Nervenheilkunde betreffenden Abteilungen in ein einziges Haus zusammengefaßt werden.

„Die räumliche, organisatorische und funktionelle Vereinigung aller mit der Nervenheilkunde im weitesten Sinn befaßten Abteilungen und Institute, d.h. der Psychiatrischen, Neurologischen, Neurochirurgischen Abteilungen, des Neuroradiologischen Instituts, des Elektrobiologischen Laboratoriums, der Physikalischen Therapiestation und der verschiedenen Nebeneinrichtungen bieten die günstigsten Voraussetzungen für eine optimale Betreuung und Versorgung unserer Kranken, aber auch für die Forschung und Lehre sowie für die Ausbildung von Ärzten und Krankenhauspersonal.“ (aus: Harrer, G. Kristallisationspunkt für die Neurowissenschaften, in: SLZ 45/1971, S III [download des gesamten Artikels])

Weiters lag es auch im Sinne der Reformer, das lästige Odium, das der Anstalt anhaftete, zum Verschwinden zu bringen. „Irrenanstalt in Lehen“ war nach wie vor die gängige Bezeichnung für die neu zu schaffende „Nervenklinik“. Mit 1. Jänner 1963 wurde die Heilanstalt offiziell in „Landesnervenkllnik“ umbenannt. Damit erhielt die Anstalt auch den Status eines Krankenhauses. Dadurch konnte erreicht werden, daß die Krankenkassen für den vollen Verpflegssatz aufkamen und nicht nur wie bis dahin lediglich 50 Prozent bezahlten. In einem Kommentar meinte das „Salzburger Volksblatt“ zu diesem Thema:

„.Endstation Lehen“ hat ihre Berechtigung verloren und als Symbol mag dafür gelten, daß die Türen der meisten Abteilungen auch von innen ohne Steckschlüssel geöffnet werden können und daß die Flügel der Gittertore am Eingang des Parkes den ganzen Tag über nicht mehr zuklirren. Das offene Gittertor muß aber auch das Zeichen für jene Stellen sein, die zwar außerhalb der Nervenklinik, doch auch für diese Kranken wirken. […] Den Geheilten auf diesem Weg wirklich und richtig zu helfen, dazu ist es notwendig, private und noch mehr behördliche Ansichten und Meinungen über das Narrenhaus zu revidieren, wie das in ‚Lehen‘ selbst in die Wege geleitet wurde und von verantwortungsbewußten Männern und Frauen bereits mit Erfolg praktiziert wird.“ (Salzburger Volksblatt vom 8.1.1963)

Bereits 1965 waren die Umbauarbeiten der Psychiatrischen Krankenhausabteilung abgeschlossen, in der nun 150 Patienten Platz finden konnten. Als erster Schritt vom Verwahrungs- zum Rehabilitationsgedanken wurden Behandlungs- und Pflegefälle unterschieden sowie psycho- und neurogeriatrische Patienten in einer eigenen Abteilung untergebracht. Weiters erfolgte eine Trennung zwischen psychiatrischen Patienten in einer geschlossenen Abteilung und solchen, die in einer offenen Abteilung behandelt werden konnten. Es wurden auch Räumlichkeiten für Beschäftigungs- und Arbeitstherapie adaptiert.

Im Jahr 1965 begannen die großangelegten Umbauarbeiten, die teilweise bis 1971 andauerten. Bis dahin glichen Teile der Landesnervenklinik einer großen Baustelle. Während dieser Zeit erfolgte der Neubau zur Aufnahme von Neurologie, Neurochirurgie Röntgntrakt und des Instituts für Gerichtliche Medizin. Der Bau bestand aus einem Hauptgebäude mit 125 Metern, im Osttrakt entstand ein dreigeschossiges Bettenhaus, im westlichen Teil die Röntgenstation; in einem Quertrakt wurden die Operationsräume eingerichtet, ein weiter Quertrakt nahm das Hörsaalgebäude mit dem Institut für Gerichtliche Medizin auf.

Eine Neurologische Abteilung mit etwa 50 Betten war bereits im Juni 1939 im St.-Johanns-Spital eingerichtet worden, wurde aber im September 1945 wieder aufgelöst. Mit der Bestellung von Univ.-Prof. Gerhart Harrer zum Konsiliarprimar für Neurologie im Oktober 1950 wurde ihm die Einrichtung einer neuen Neurologischen Abteilung am Salzburger Landeskrankenhaus (St.-Johanns-Spital) übertragen. Diese Abteilung mit zunächst nur 11 Betten wurde Ende Jänner 1951 eröffnet. Im Zuge eines Neubaues erhöhte sich die Bettenzahl auf 54.1962 erfolgte der Beschluß, die Neurologische Abteilung aus dem Verband des Landeskrankenhauses herauszulösen und der neu zu schaffenden Landesnervenklinik zuzuordnen. Damit konnte im Landeskrankenhaus auch der dringend erforderliche Bettenraum gewonnen werden. Nach vierjähriger Bauzeit übersiedelte die Neurologie im Jänner 1969 in das neue Haus in der Landesnervenklinik und erfuhr damit eine weitere Vergrößerung auf 104 Betten. Seit der Eröffnung 1951 bis zu ihrer Übersiedlung in die Landesnervenklinik hatte sich die Zahl der Patienten fast verzehnfacht: Die Patientenzahl stieg von 212 im Jahr 1951 auf 1.835 im Jahr 1970. Der Neurologischen Abteilung angeschlossen wurde eine großzügig ausgestattete Physikalische Therapiestation. Nach der Neurologie nahm ein Jahr darauf unter der Leitung von Univ.-Prof. Hans Erich Diemath die Neurochirurgische Abteilung ihren vollen Betneb auf. 1970 wurden bereits 1.015 Patienten stationär behandelt und 521 operative Eingriffe durchgeführt.

Das neuerrichtete Neuroradiologische Institut erhielt die Aufgabe, sowohl die allgemeine als auch spezielle Diagnostik für alle Patienten der Landesnervenklinik zu betreiben.

Seit 1967 gibt es an der Juridischen Fakultät der Universität Salzburg ein Institut für Gerichtliche Medizin, das zunächst nur provisorisch untergebracht war. Im Rahmen der Neubautätigkeit in der Landesnervenklinik ging das Land Salzburg daran, ein Gebäude für die endgültige Unterbringung des Gerichtsmedizinischen Instituts zu bauen. Noch 1967, als bereits sämtliche Bauarbeiten in Gang waren, entschloß man sich, einen Hörsaaltrakt zu errichten und dort das Institut für Gerichtliche Medizin unterzubringen. Mit dem Hörsaaltrakt ist übrigens das erste Gebäude entstanden, das aus reinen Landesmitteln für Zwecke der Universität erbaut wurde. Man betrachtete diese Finanzierung als eine Art Vorleistung des Landes auf die Medizinische Fakultät, auf die man in Salzburg damals noch hoffte. Baubeginn für die Gerichtsmedizin war im Mai 1969, die Bauzeit betrug fast 2 ½ Jahre. Im Erdgeschoß befand sich u.a. ein Hörsaal mit 134 Sitzplätzen, im Untergeschoß wurden verschiedene Räumlichkeiten für die Gerichtsmedizin wie Sektionsraum, Einsargraum, Röntgenraum usw. untergebracht.

Neben diesen großen Spitalsbauten wurden außerdem zwei Personalhäuser und ein Schwesternhaus errichtet, eine Krankenpflegeschule eröffnet sowie zahlreiche andere kleinere Bauvorhaben vollendet.

Mit der Fertigstellung der Gerichtsmedizin im September 1971 waren die großen Neu- und Umbauarbeiten abgeschlossen und die Umstellung auf eine moderne Landesnervenklinik im Wesentlichen erreicht. Am 8. November 1971 fand unter Beisein von Bundespräsident Franz Jonas und Landeshauptmann Hans Lechner die offizielle Übergabefeier statt. Das größte Bauprojekt seit Errichtung der Landesheilanstalt im Jahr 1898 hatte seinen Abschluss gefunden. Rein zahlenmäßig haben sich die Dimensionen zwischen 1962 und 1971 stark verändert. Die Zahl der Betten stieg von 493 auf über 600 und die Aufnahmen erhöhten sich durchschnittlich von etwa 1.000 auf über 4.000 Personen im Jahr.

Mit den baulichen und organisatorischen Veränderungen drang die Landesnervenklinik mit Ihren Tätigkeitsbereichen eine Zeitlang ins öffentliche Bewußtsein. Catarina Carsten brachte zwei Reportagen mit Stimmungsbildern aus der Landesnervenklinik. [download der Artikelserie von Catarina Carsten]

Die letzten 20 Jahre der Landesnervenklinik waren von einer ständigen Erweiterung sowohl in fachlicher als auch in baulicher Hinsicht geprägt. Dazu zählen die Eröffnung eines Kriseninterventionszentrums im Jahr 1975, die Neuorganisation der psychiatrischen Rehabilitation (1977), die Errichtung einer Intensivstation in der Neurochirurgie (1983).

Sowohl was den Personalstand als auch die Zahl der Aufnahmen betrifft, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. Gab es 1971 insgesamt 471 Klinikmitarbeiter (davon 32 Ärzte), so erhöhte sich die Zahl bis 1996 aus 1.165 Bedienstete (darunter 99 Ärzte. Auch die Zahl der Aufnahmen hat sich vervielfacht. Für das Jahr 1976 wurden etwa 6.600 Aufnahmen gezählt, 1996 waren es bereits über 11.000. [1984 waren es 9.054] [Ende Zitat aus Waitzbauer 1998, S 79]

Weitere Informationen: Harrer G. (1967) Auf dem Weg zum modernen Nervenzentrum